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Der verschwindende Frost – die kulturelle Bedeutung des Winters

Der verschwindende Frost – die kulturelle Bedeutung des Winters


Die Ethnologinnen Matilda Marshall von der Universität Umeå und Erika Lundell von der Universität Malmö in Schweden untersuchen unter anderem, wie sich die Veränderungen des Winters auf uns Menschen auswirken. Im Zusammenhang mit unserer Kampagne „Der verschwindende Frost“, haben wir mit ihnen gesprochen.


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Die Bedeutung des Winters


Viele verbinden den Winter mit Kälte, Schnee und Dunkelheit – eine Zeit, die Raum für Gemütlichkeit drinnen, Schlittenfahrten oder vielleicht einen Skiurlaub bietet. Doch durch den Klimawandel verändert sich das Wetter, und wir können nicht erwarten, dass der Winter so bleibt, wie wir ihn uns vorstellen. Trotzdem halten wir an diesen Vorstellungen fest, weil es sozial konstruierte Erwartungen sind, erklärt die schwedische Forscherin Matilda Marshall von der Universität Umeå, die zur kulturellen Bedeutung der Jahreszeiten forscht.

Wir halten an diesen Vorstellungen fest, indem wir zum Beispiel auf Kunstschnee Ski fahren oder bei Plusgraden auf künstlichen Eisbahnen Schlittschuh laufen.

„Dass wir an Winteraktivitäten festhalten, zeigt die starken Gefühle, die mit dem Winter verbunden sind, und dass wir die kulturellen Vorstellungen von Winter bewahren möchten“, erklärt Erika Lundell, Forscherin zu kulturellen Aspekten von Winter und Schnee an der Universität Malmö.

Dass der Winter allmählich wärmer wird, kann auch bedeuten, dass Menschen verschiedene Gefühle durchleben, wenn die kalte Jahreszeit verschwindet. In einem aktuellen Forschungsprojekt hat Erika Lundell Fragebogendaten gesammelt, in denen Menschen beschreiben, dass sie traurig sind, weil der Winter sich verändert – und dass sie sich erinnern, wie es früher einmal war.

„Es gibt diese grundlegende Sehnsucht nach Schnee und eine romantische Beschreibung davon, wie es früher war“, fügt Erika hinzu.
Es zeigte sich auch ein Hinweis auf sogenannte „Schneetrauer“, also die Trauer über das Fehlen von Schnee und einem echten Winter.

„Aber es handelt sich auch um einen ambivalenten Verlust, weil der Winter von Jahr zu Jahr unterschiedlich ausfallen kann. Deshalb ist es schwierig, wirklich zu trauern, denn in einem Jahr gibt es Schnee, im nächsten ist der Winter mild“, erklärt Erika.

Nicht alle sind jedoch Fans des kalten, schneereichen Winters.
„Wir nehmen an, dass alle ihn mögen, aber das stimmt nicht. Manche Menschen werden dadurch in ihrer Mobilität eingeschränkt, und unsere Infrastruktur ist nicht unbedingt dafür ausgelegt“, erklärt Matilda.

Doch für einige Menschen ist der kalte Winter mit Schnee ihre Lebensgrundlage, zum Beispiel für professionelle Wintersportler*innen. Diese lenken über die Organisation Protect Our Winters die Aufmerksamkeit auf den verschwindenden Winter. Die Organisation setzt sich dafür ein, Menschen im Kampf für die Outdoor-Gebiete zu vereinen, die sie lieben und die vom sich wandelnden Klima betroffen sind.

Sprachlicher Wandel


Dass sich der Winter verändert, zeigt sich auch in der Sprache – etwas, das Erika Lundell und Matilda Marshall untersucht haben. Im Schwedischen gibt es das Wort „ovinter“, was auf Englisch etwa „unwinter“ oder „non-winter“ heißen könnte.

„Das Wort veranschaulicht, was mit dem Winter aufgrund des Klimawandels passiert – nämlich, dass er wärmer wird. Es ist eine Art, über den Klimawandel zu sprechen, ohne es ausdrücklich zu tun, aber dennoch anzuerkennen, dass es ein Phänomen ist, an das wir uns gewöhnen müssen“, erklärt Matilda.

Das Wort ist allerdings noch kein offizieller schwedischer Begriff im Wörterbuch und wird vor allem von Meteorologen und Journalisten verwendet, ergänzt Matilda. Auch im Deutschen und Dänischen existiert das Wort nicht; man könnte es mit etwas wie „Nicht-Winter“ übersetzen, aber ein wirklich passendes Wort gibt es noch nicht.

„Das könnte daran liegen, dass z.B. Dänemark nicht daran gewöhnt ist, dass der Winter kalt und schneereich sein sollte – wie man es eher in Schweden erwartet. Deshalb ist das Wort im Dänischen nicht entstanden, weil es keinen Bedarf dafür gab“, erklärt Erika.

Jede Jahreszeit hat ihren Reiz


Menschen schreiben den Jahreszeiten generell Gefühle und kulturelle Bedeutungen zu, und daher hat jede Jahreszeit ihren eigenen Reiz, erklärt Matilda.

„Wir hatten jetzt die Kälte, und deshalb freuen wir uns auf den Frühling, die Blumen, die Sonne und die Beeren. Es ist wie ein Zyklus, der sich wiederholt. Aber wenn sich die Jahreszeiten anders verhalten, als wir es erwarten, kann es sich so anfühlen, als wäre etwas aus dem Gleichgewicht geraten“, ergänzt Matilda.

Es ist also völlig normal, Trauer über die Auswirkungen des Klimawandels auf Wetter und Jahreszeiten zu empfinden. Die Forschung von Matilda Marshall und Erika Lundell hilft uns zu verstehen, welche Bedeutung der Winter für uns hat – und warum wir fühlen, wie wir fühlen. Bei ClimatePol hoffen wir, dass wir Ihnen mit unserer Frostkampagne helfen konnten, die Bedeutung des Winters für Sie und andere sowie die Auswirkungen des sich verändernden Klimas besser zu verstehen.